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Berst, Sascha
Mord im Garten des Sokrates
2008
 
Unser Weg führte uns am Tempel des Olympischen Zeus vorbei zur Stadt hinaus. Ich liebte diesen groß und prächtig angelegten, aber seit Jahrzehnten unvollendeten Tempel, auch wenn der Bau stillstand, seit ich denken konnte. Mit dem Ende des Krieges gegen Persien hatten die Athener die Arbeiten begonnen, mit Beginn des Krieges gegen Sparta brach man sie ab, und ebenso wenig, wie ein Ende des Krieges abzusehen war, war mit der Vollendung des Bauwerkes zu rechnen. Was das größte Heiligtum der Stadt werden sollte, stand nun ungeweiht im klaren Licht der Sonne, und die höchsten Marmorsäulen, die Hellas je erblickt hatte, ragten in die Höhe, ohne ein Dach zu tragen.

Vom Tor aus verließ unser Fahrer die inneren Stadtmauern. Er folgte der Straße nach Kephisia, bis er an einem Pinienhain abbog, in dessen Schutz und von außen beinahe unsichtbar eine hohe Mauer aufragte. Wir bogen ab und kamen an ein Tor.

„Da ist es“, sagte er mürrisch und hielt den Wagen an. Am Tor standen zwei Wachen mit Schilden und Äxten. Ihre Waffen, die Beinkleider, die nur von Barbaren getragen wurden, und ihr helles Haar verrieten sie als Söldner, vermutlich Kelten aus den nördlichen Ländern.

„Was wollt ihr?“, fragte einer der Barbaren in feindlichem Ton, noch ehe wir richtig angekommen waren. Seine blauen Augen blitzten kalt.

Ich stieg von unserem Wagen und ging auf ihn zu.

„Ich bin Nikomachos, der Hauptmann der Bogenschützen“, sagte ich, „Alkibiades, der Hegemon, schickt uns, um mit dieser Familie zu trauern und ihr seinen Arm zur Hilfe anzubieten.“ Ich gab der Wache meine Vollmacht und eine Münze, damit sie mein Anliegen mit Wohlwollen vortragen würde. Der Söldner nickte und hieß uns zu warten – jetzt schon ein wenig freundlicher. Er verschwand hinter dem Tor.

„Wie lange wird es wohl dauern?“, fragte ich den zweiten Kelten nach einer Weile. Er war ein Hüne mit roten Zöpfen und wildem Gesicht, aber er sah nur starr vor sich hin und blieb stumm. Vielleicht verstand er mich noch nicht einmal.

Es dauerte lange, bis sich die Flügel des Tores auftaten und ein vornehmer und augenscheinlich reicher Athener uns empfing. Er war etwa fünfzig Jahre alt, seine Haltung war aufrecht und gebieterisch. Eine Tonsur im grauen Haar verriet uns die aristokratische Abstammung und wies ihn, für jedermann erkennbar, als Gegner der Volksherrschaft aus; die Oligarchen machten keinen Hehl aus ihrer Gesinnung. Ungeachtet der Hitze trug er nicht nur einen blauen Chiton, sondern darüber einen purpurfarbenen Kurzmantel, den Chlamys. Er betrachtete mich verächtlich. Erst als er Lykon sah, wurde sein Gesicht ein wenig freundlicher.

„Ich bin Kritias! Hauptmann, was störst du die Trauer dieses Hauses?“

Ich muss erbleicht sein, und Kritias quittierte es mit einem hochmütigen Lächeln, lernte ich an diesem Tag doch einen dritten Mann kennen, vor dem man zittern musste – mehr allerdings, als mir damals bewusst war. Kritias – jedes Kind in Athen kannte diesen Namen.

„Alkibiades, der Hegemon von Athen, schickt uns, edler Kritias, um die Trauer um Periander mit dieser Familie zu teilen und die Hilfe der Polis anzubieten“, sagte ich unterwürfig. „Ich soll mich in den Dienst dieser Familie stellen, um den Mörder ihres Sohnes zu finden. Das ist meine Aufgabe. Wenn ich sie nicht erfülle, ist mein Leben verwirkt.“

Kritias antwortete nicht und sah an mir vorbei auf den Zweispänner. Gerne hätte ich gewusst, was in ihm vorging, aber er schien es gewohnt zu sein, seine Gefühle hinter einem unbeweglichen Gesicht verborgen zu halten. Erst ein leichtes Nicken seines Kopfes zeigte, dass er mit seinen Überlegungen zu einem Schluss gekommen war. Er trat zur Seite und bat uns herein.

Ich bedeutete Lykon mitzukommen und wandte mich an den Wächter, den Kritias verständigt hatte: „Gleich wird ein Arzt kommen. Er gehört zu mir. Lass ihn herein.“

Der Barbar nickte.

Kritias führte uns über einen mit weißen Kieseln bedeckten Fußweg durch einen üppig blühenden Garten. Das Landhaus, zu dem wir kamen, gehört zu den größten, die ich je gesehen habe. An seiner Front ragten Säulen empor, die das zweite Stockwerk trugen und einen Balkon hielten, wie er oft an Tempeln und Palästen, kaum aber an Wohnhäusern zu sehen war. Die Stirn des Hauses zierte ein Relief. Das gesamte Anwesen war in leuchtendem Karmesin gestrichen. Es war prächtig, aber bei allem Reichtum blieb es doch ein trauerndes Haus. Noch bevor wir durch das Eingangsportal traten, hörten wir die Frauen klagen, wie nur sie es vermögen.

„Perianders Mutter und seine beiden Schwestern halten die Totenwache“, erklärte uns Kritias. „Sein Vater sitzt im Innenhof. Wir werden zuerst zu ihm gehen.“

Kritias führte uns zu einem alten, gebeugten Mann mit einem vollständig ausdruckslosen Gesicht. Er erhob sich, als wir näher kamen, aber grüßte nur mit einem leichten Nicken. Seine Augen waren trüb und sein Mund bitter. Perianders Vater. Ich stellte mich vor und kondolierte in Alkibiades’ und in meinem Namen. Dann eröffnete ich ihm vorsichtig, wieso ich da war und den Leichnam seines Sohnes sehen wollte. Kritias wich zurück, als er meine Bitte vernahm. Sie hatte auch etwas gänzlich Unerhörtes, aber Perianders Vater war zu sehr von seinem Verlust getroffen, um dies zu empfinden, geschweige denn sich zu empören oder mir irgendeinen Widerstand entgegenzusetzen.

Er führte mich stumm ins Haus. Kritias und Lykon blieben zurück. Der arme Junge hatte ängstlich darum gebeten, draußen warten zu dürfen. Er wollte den Toten nicht sehen. Das könne er nicht, wie er mir bleich gestand.

Das Wehklagen wurde lauter, während wir in den oberen Stock des Anwesens gingen. Dort lag Periander in seiner Schlafkammer aufgebahrt. Als Perianders Vater die Tür öffnete, drangen die Klagen der Frauen wie das Geheul von Sirenen an mein Ohr. Es war offenbar: Diese Familie hatte alles verloren, was ihr wichtig war: ihren Stolz, ihre Hoffnung und ihre Zukunft. Ich sah es im leeren Gesicht des Vaters und hörte es im Wehgeschrei der Mutter.

Es war nicht leicht, die Frauen aus dem Zimmer zu bringen. Immer wieder warf sich die weinende Mutter auf den Körper des Toten und klammerte sich an ihm fest, während Perianders Schwestern sie zurückzuhalten versuchten. Nur der natürliche Gehorsam gegenüber dem Mann und Familienoberhaupt brachte sie schließlich dazu, für einen Moment von ihrem Sohn abzulassen. Als ihre Töchter sie aus der Kammer brachten, sank sie hinter der Schwelle mit einem einzigen tiefen Schluchzen in sich zusammen.

Ich schloss die Tür hinter den Frauen. Nun waren der Vater und ich allein mit dem Toten. Das Zimmer zeigte sich schmucklos und streng, strenger und schmuckloser, als ich es erwartet hatte.

Periander lag aufgebahrt und bekleidet auf einem einfachen Bett. Noch im Tod sah man, wie schön er gewesen sein musste. Jetzt aber war seine Haut bläulich und durchsichtig, die Wangen eingefallen, der Körper erstarrt. An seiner rechten Hand fiel mir ein weißer Kreis auf, der um den Mittelfinger lief. Dort hatte ein Ring das Licht der Sonne abgeschirmt. Darüber verliefen zwei kleine Striemen.

„Wo ist Perianders Ring?“, fragte ich den Vater. „Hatte er ihn nicht mehr bei sich?“

„Der Ring? Nein. Ich weiß nicht“, antwortete er. Es waren die ersten Worte, die er an mich richtete. „Er wurde uns so gebracht, wie er hier liegt. Wir haben ihn nur gewaschen und das Gewand gewechselt. Sonst haben sie uns nichts gegeben.“

„Was war es für ein Ring?“, fragte ich. „War er wertvoll?“

„Ja, das war er“, antwortete der Vater, „wir haben ihn nach seinem großen Sieg anfertigen lassen, ganz aus Gold. Auf seiner Oberseite ist eine schwarze Perle eingelassen, von einem Lorbeerkranz umfasst. Er trug ihn Tag und Nacht.“

„Kennst du noch den Namen des Goldschmieds, der den Ring gefertigt hat?“, wollte ich wissen. Bevor Perianders Vater antworten konnte, fiel mir die Antwort aber selbst ein. Wie hatte ich nicht daran denken können? Hatte sich nicht Raios, mein Onkel und Schwiegervater, wochenlang damit gebrüstet, kein anderer als er habe den Ring für den Olympiasieger schmieden dürfen? Eine große Ehre, die ihn indessen nicht davon abgehalten hatte, Perianders Familie über den Wert des Schmuckstücks zu täuschen und einen viel zu hohen Preis zu verlangen. Er tat das immer. Es war sein größtes Vergnügen.

„Er hieß Raios“, antwortete der alte Mann. „Sein Geschäft ist beim Hephaistos-Tempel, gleich im Viertel der Schmiede.“

„Ich kenne ihn“, sagte ich, ohne auf die Art meiner Bekanntschaft mit Raios näher einzugehen. „Was hat Periander gestern Abend gemacht?“

„Ich weiß nicht genau. Ich dachte, er wäre vielleicht im Stadion. Das ist in der Nähe des Tores, wo ...“ Dem Alten versagte die Stimme. Eine Träne lief ihm dünn über das gegerbte Gesicht. Er rang um Fassung und drehte sich weg.

„Wer waren Perianders Freunde?“, fragte ich weiter.

„Er hatte viele“, erwiderte der Vater mit einem Anflug stolzer Erinnerung, „oft traf er sich mit Charmides oder mit Aristokles und seinem Bruder Glaukon. Das sind Verwandte meines Freundes Kritias, junge Männer. Er war wohl auch viel mit diesem Sokrates unterwegs. Du kennst ihn?“

„Ja, natürlich“, entgegnete ich. Wer kannte ihn nicht?

Die Tür ging auf. Ich befürchtet schon, Perianders Mutter würde wieder in das Zimmer stürzen, beruhigte mich aber, als ich stattdessen einen kleinen, wohl dreißig Jahre alten Mann mit strengen Zügen und stechendem Blick eintreten sah, der in seiner Rechten einen ganz besonderen Stock trug: einen Wanderstock, um dessen Ende sich eine kunstfertig geschmiedete Schlange wand, so wie sich um seinen Besitzer die Legenden rankten. „Hippokrates von Kos“, stellte er sich vor, obwohl dies nicht nötig war, „man hat mich kommen lassen. Bist du Nikomachos, der Herr der Toxotai?“

Ich bejahte und verneigte mich tief vor diesem Mann, von dem man sagte, er habe sein Handwerk vom Gott der Heilkunst selbst erlernt. Ich zeigte auf den Leichnam. Hippokrates nickte. Tiefe Furchen liefen senkrecht seine Wangen herunter. Er drehte sich zu Perianders Vater.

„Du bist der Vater dieses Jungen?“ Der Mann nickte.

„Ich musste deiner Frau ein starkes Mittel zur Beruhigung geben. Sie braucht dich jetzt. Bitte sieh nach ihr.“

Perianders Vater nickte ein zweites Mal stumm und ging hinaus. Und so gelang es Hippokrates, dem alten Mann eine Aufgabe zu geben und zugleich dafür zu sorgen, dass wir ungestört waren.

„Was soll ich tun?“, fragte Hippokrates. „Der junge Mann ist tot.“

„Ich weiß“, antwortete ich verlegen, „ich möchte wissen – wenn das geht –, wie er gestorben ist.“

„Das ist gut“, antwortete Hippokrates unverständlicherweise und hieß mich, Perianders Leiche zu entkleiden, während er einem mitgebrachten Beutel einige Werkzeuge entnahm. Ich wagte nicht, mich zu widersetzen, aber meine Arbeit erwies sich als ungewöhnlich schwer. Perianders Körper war völlig steif und schien viel mehr zu wiegen, als man dies bei diesem kaum zwanzigjährigen Läufer angenommen hätte. Obwohl es in diesem Zimmer angenehm kühl war, geriet ich ins Schwitzen und hätte bei meinen ungeschickten Versuchen, Periander auszuziehen, beinahe sein Leichengewand zerrissen. Ich war völlig außer Atem, als der Olympiasieger schließlich nackt vor mir lag.

Der Körper sah aus wie in Stein gemeißelt. Rippen, Muskeln und Sehnen zeichneten sich unter seiner gelblich-blauen Haut ab, das Becken bildete einen vollkommenen Bogen unter dem muskulösen Bauch, Arme und Beine waren schlank und kraftvoll.

„Die Leichenstarre ist noch vollständig“, erklärte Hippokrates, während er auf den Körper zutrat und ein Bein Perianders anzuheben versuchte. „Bei einem Sportler wie ihm kann sie bis zu drei Tage anhalten, aber nur, wenn es nicht so heiß ist, wie es heute war. Bei der Hitze, meine ich, ist er frühestens gestern Nacht zu Tode gekommen, sonst müssten seine Muskeln schon wieder erschlaffen.“

Mit unbewegtem Gesicht betrachtete und befühlte er Perianders Haut. Dann bat er mich, ihm zu helfen. Gemeinsam drehten wir den leblosen Körper um. An Perianders Hinterkopf klaffte eine Wunde. Obwohl man ihn gewaschen hatte, war das Haar noch blutverklebt. Der Arzt untersuchte die Verletzung ausgiebig und mit einem eigentümlichen Funkeln in den Augen. Er versuchte sogar, mit einer Art Bronzenagel in den Schädel einzudringen, aber es gelang ihm nicht.

„Der Schädel ist intakt“, stellte er lapidar fest und legte den Stift zur Seite, um sich dem Nacken zuzuwenden.

„Das Genick ist intakt“, war sein nächster Kommentar. Dann hielt er inne und überlegte. Es war, als spräche er mehr mit sich selbst und nicht mit mir, als er sagte: „Er ist nicht an einem Schlag auf den Kopf gestorben. Die Wunde am Hinterkopf ist nicht tödlich.“

„Woran ist er dann gestorben?“, fragte ich, während sich Hippokrates schon wieder der Leiche widmete und meine Frage unbeantwortet ließ. Er untersuchte Perianders Rücken und zuletzt die Haut hinter seinen Ohren. Sein Gesicht hellte sich auf.

„Komm her und sieh dir das an“, befahl er. Ich gehorchte, trat näher und sah hinter den Ohren Perianders einige kleine, rote Punkte durch die Haut schimmern. Sie waren kaum größer als die Samen der Brotbaumfrucht.

„Das sind Einblutungen“, erklärte mir Hippokrates mit einer Begeisterung, die mich im Angesicht des Toten unangenehm berührte. „Ich bin sicher, wenn wir seine Augen öffnen könnten, dann würden wir die gleichen Einblutungen auch auf seinen Augäpfeln finden.“

„Könnten?“, fragte ich besorgt nach, denn ich wollte die toten Augen Perianders keinesfalls öffnen, geschweige denn sehen. „Wir können es also nicht?“

„Nein“, erwiderte er, was mich beruhigte. „Dazu ist er noch viel zu steif – in ein paar Tagen vielleicht. Andererseits, ich könnte die Lider natürlich auch aufschneiden. Wenn du es ganz genau wissen musst.“

„Nein, das wird nicht nötig sein“, beeilte ich mich zu versichern, und einige Tropfen kalten Schweißes rannen mir Schläfen und Wangen hinunter.

„Gut. Dann hilf mir, ihn wieder auf den Rücken zu legen“, kommandierte Hippokrates. „Ich glaube nämlich, er ist erstickt.“

Wieder bat er mich um Hilfe, und gemeinsam wuchteten wir Perianders Körper herum. Während Hippokrates ihn weiter abtastete, versuchte ich mich abzulenken, indem ich konzentriert auf die Wand hinter dem Arzt blickte, an der es rein gar nichts zu sehen gab. Jetzt hatte er eine Art kurzer Eisenstange in der Hand und schob sie Periander zwischen die Lippen. Ich fragte mich noch, was er damit vorhaben konnte, als – ich wage es kaum, mich zu erinnern – ein Krachen ertönte wie von einem Blitz. Nie werde ich das Geräusch vergessen, das ich hören musste, als Hippokrates Perianders leichenstarren Kiefer aufwuchtete. Es war, als ob der Schaft eines Speeres im Kampfe bräche. Die Stange war eine Art Brechstange gewesen. Mir schauderte und das Blut wich mir aus dem Gesicht, aber Hippokrates sah mich nur verständnislos an und meinte, die Leichenstarre sei bei Sportlern eben immer besonders stark. Das liege an den kräftigen Muskeln. Dann erforschte er völlig ungerührt Perianders Rachen und seinen Mund, wobei er ihm die Finger so tief in den Hals steckte, wie er nur konnte. Das genügte aber offenbar nicht, denn er ging noch einmal zu dem Beutel mit seinen Instrumenten, suchte und kam mit etwas zurück, das aussah wie eine lange, feine Zange.

„Pinzette“, sagte Hippokrates und hielt das Werkzeug hoch, damit ich es sehen konnte. Er lächelte mir aufmunternd zu, dann steckte er dem bemitleidenswerten Leichnam auch noch dieses Gerät in den Mund und stocherte darin herum.

„Da haben wir es ja“, war sein abschließender Kommentar, als er ein fast faustgroßes Stück zerknüllten Papyrus aus dem Rachen der Leiche hervorholte und mir mit der Pinzette reichte. Ich ekelte mich und wollte es gar nicht nehmen, aber Hippokrates bedeutete mir, er habe in seinem Leben schon ganz andere Dinge anfassen müssen. Ich solle mich nicht so haben. Also ergriff ich den Papyrus tapfer, hielt ihn so fest, wie ich gerade konnte, und sah, sehr zu meinem Erstaunen, dass auf dem Blatt etwas geschrieben stand. Was blieb mir übrig? Ich öffnete das feuchte Blatt, reinigte es mit einem Tuch, das Hippokrates mir reichte, und glättete es.

Ich betrachtete den Papyrus lange, bis ich verstand. Ich hielt den Ausriss aus einem Buch in meinen Händen. Das Schriftstück hatte abgerissene Enden, die Tinte war hier und da verlaufen und es war nicht mehr alles zu erkennen, aber ein paar Sätze blieben doch lesbar. Hastig überflog ich die Zeilen, hastig verbarg ich das Schriftstück in meinem Ärmel. Der Arzt runzelte die Stirn.

„Und hast du gefunden, wonach du mich hast suchen lassen?“, fragte er.

„Vielleicht“, antwortete ich leise, „das weiß ich noch nicht. Und du“, gab ich die Frage zurück, „hast du gefunden, was du gesucht hast?“

„Den Grund für seinen Tod? Ja, den habe ich gefunden. Unser olympischer Held ist erstickt. Das ist ganz eindeutig. Zuerst hat man ihm von hinten auf den Kopf geschlagen, wahrscheinlich mit einem harten Stock mit einem Metallbeschlag oder mit einer Stange. Das nahm ihm das Bewusstsein, aber es brachte ihn nicht um. Ich kenne diese Art der Verletzung gut, einmal habe ich eine Abhandlung über Kopfverletzungen geschrieben. Kennst du sie? Nein? Ich gebe sie dir gerne ...“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein? Auch gut. Dann hat man ihm diesen Papyrus tief in den Rachen gestopft und ihm den Mund zugehalten, bis er nicht mehr geatmet hat. Daher rühren auch die Einblutungen, die du gesehen hast. Hätte man ihn erwürgt und dadurch das Blut gestaut, dann hätte er davon noch viel mehr.“

„Aber zu ersticken ist ein fürchterlicher Tod“, wandte ich ein. „Hätte er im Todeskampf nicht um sich geschlagen und sich gewehrt?“

„Nicht in diesem Fall“, entgegnete Hippokrates. „Der Schlag auf den Hinterkopf war sehr hart. Dadurch war er schon außer Gefecht gesetzt. Außerdem war er betrunken, vermutlich schwer betrunken.“

„Betrunken? Woher weißt du das?“, fragte ich ungläubig.

„Komm zu mir herüber“, forderte er mich auf. Ich folgte widerstrebend. „Hier, beuge dich herunter und rieche.“ Ich gehorchte und – tatsächlich, obwohl die Leiche schon den für die Toten typischen Geruch ausströmte, war darunter noch der Duft von geharztem Wein zu erahnen.

Ich bat Hippokrates, niemandem von dieser Untersuchung und ihren Ergebnissen zu berichten, und er versprach es. Gemeinsam kleideten wir Periander wieder an. Als das geschafft war, verschloss ihm Hippokrates den Mund, indem er ihm ein Band um Kiefer und Kopf wickelte und verknotete.

„Man sieht kaum, dass ich ihm den Kiefer brechen musste, findest du nicht?“, fragte er. Ich nickte und lächelte verkrampft.

Als Honorar gab ich Hippokrates zehn Drachmen. Das war viel Geld, aber bei Asklepios und seinen Jüngern wollte ich keine Schulden haben. Der Arzt bedankte sich und schenkte mir einen Beutel aus Leder, in dem ich den Papyrus aufbewahren und mitnehmen konnte.

„Du solltest dir noch die Hände waschen“, riet er mir zum Abschied. Dann nahm er seinen Stock und ging, fröhlich und bester Dinge, wie es schien.

Ich blieb allein im Zimmer des Toten. Hier lag einer vor mir, der geliebt und geachtet worden war wie kaum ein anderer. Er war schön, er war jung und reich. Und doch hatte ihn jemand getötet. Weil er ihn hasste? Weil er ihn liebte? Oder nur wegen eines wertvollen Rings? Es sind in Athen schon Menschen wegen einer einzigen Kupfermünze erschlagen worden. Man findet sie abseits der Wege mit aufgerissenem Mund – viele verbergen ihr Geld noch zwischen Zähnen und Backen. Wieso nicht also auch wegen eines Rings? Was war dann aber mit dem Schriftstück und dem grausigen Tod?

Ich griff in meinen Ärmel und zog den Papyrus hinaus. Dann las ich, was noch zu entziffern war:

„Ich kann nicht billigen, dass die Athener die Staatsform gewählt haben, die sie nun einmal haben, denn sie geben den Gemeinen gegenüber den Edlen den Vorzug ...

Es gilt für jedes Land, dass alle Menschen edler Gesinnung Gegner der Demokratie sind ... Denn sie sind darauf bedacht ... Gutes zu tun ... Das Volk aber wird von Unwissenheit und Schwäche beherrscht – die Armut muss es ins Verbrechen treiben.“

 
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