Waldseemüller senkte den Kopf und nestelte an seinem Rocksaum. Dann zog er ein eng zusammengerolltes Stück Papier hervor und reichte es Philesius. «Damit gebe ich mich ganz in Eure Hand. Aber ich wollte ohnehin mit Euch darüber sprechen. Ich brauche Eure Unterstützung, Philesius. Ich weiß niemanden, der mir sonst helfen könnte.»
Matthias Ringmann rollte den Papierstreifen auseinander. Dann brach er in Gelächter aus. «Stockschwerenot! Wie seid Ihr denn darauf gekommen? Ein neuer Kontinent, ein neuer Erdteil im Westen des Atlantiks? Auch wenn bei Vespucci so etwas anklingt, selbst er konnte sich bisher nicht dazu durchringen, das mit einer solchen Selbstsicherheit zu konstatieren. Außerdem sind Worte noch immer etwas anderes als das konkrete Abbild. Man kann immer behaupten, missverstanden worden zu sein. Ihr hingegen lauft Gefahr, dass die Gelehrten über Euch herfallen und Euch und Eure Seekarte in der Luft zerreißen, wenn sie erscheint. Dabei spreche ich nur von den ernsthaften Kritikern und nicht von jenen, die Euch die Sensation neiden, die ein solches Werk unweigerlich auslösen wird. Sagt mir, wieso seid Ihr Euch da so sicher?»
«Ich bin mir überhaupt nicht sicher. Zumindest nicht absolut. Ich kann nur wieder mit Vespucci sprechen. Er selbst hat mich doch auf die Spur gebracht. Er muss es schon bei dieser Reise geahnt haben. Seine Beschreibungen führen eigentlich jeden, der die Worte zerkaut, zerpflückt, der sie dreht und wendet, sie von vorne und hinten beleuchtet, zum selben Schluss. Er zeigt uns doch den ganzen gedanklichen Weg, seine Beschreibungen sind nur so gespickt mit Hinweisen, aneinander gereiht wie die Perlen an einer Kette. Und mit jeder neuen Perle geleitet er uns ein Stück weiter in eine fremde Welt. Lasst mich mit derselben Reise fortfahren.
Den Lauf nach Süden gerichtet, geht unsere Fahrt weiter. Indem wir in diesem Striche schifften und weit in die See hinein gekommen sind: so trafen wir einen Strom im Meere an, der von Ostsüdost nach Westnordwest zulief und mit solcher Gewalt schoss, dass er uns in ungemeine Furcht versetzte; und der war so schnell, dass der Strom in der Meerenge von Gibraltar und in der bei Messina nur wie stillstehendes Wasser dagegen zu achten sind; und weil derselbe von vorne zu auf uns stieße: so konnten wir nicht im geringsten weiterkommen. Da die Gefahr uns vor Augen schwebte, entschlossen wir uns itzo, gegen Norden zu segeln.
Dann folgen Hinweise auf seine Berechnungen. Ich kann verstehen, dass er noch nicht alles preisgeben will. Doch was er schreibt, habe ich mit dem Stand der Sterne verglichen, mit dem Ptolemäus, mit anderen Karten und Vespuccis Angaben, habe sie Stück für Stück in meine Skizzen übertragen. Zugegeben noch ungenau. Aber das ist zum Beispiel eine solche Stelle.» Er zog ein Heft aus seinem Rock. Er musste nicht einmal hineinschauen, um Vespucci zu zitieren. Matthias Ringmann kam die Schrift bekannt vor. Er ließ sich jedoch nichts anmerken.
«Ihr seid ja kaum zu bremsen, lieber Ilacomylus!»
«Ich weiß, wenn ich die Welt neu kartographiere, werden sie über mich herfallen wie die Wölfe. Die Menschen sind schon zu lange an ein anderes Bild des Globus gewöhnt. Vielleicht hat Vespucci deshalb noch keine eigene Karte veröffentlicht. Dabei ist seine letzte Reise schon eine Weile her. Vielleicht aber auch, weil er seinen Geldgebern verpflichtet ist und manche seiner Entdeckungen geheim halten muss. Denn wenn dort ein vierter Erdteil ist, dann geht es im Westen noch weiter. Dann locken dort noch andere Regionen, Reichtümer, Paradiese. Und wer zuerst kommt, dem fallen sie in den Schoß. Doch die Geheim-nisse der Mächtigen sind mir egal.»
Matthias Ringmanns Gesicht war ernst geworden. «Verborgenes Wissen ist Macht für die Eingeweihten, jedermann zugängliches verliert diesen Zauber. Das Erscheinen einer solchen Karte würde nicht jedem recht sein. Erinnert Euch, der portugiesische König hat bereits verkünden lassen, er werde jeden ohne Gnade bestrafen, der die Welt der Meere und Küsten jenseits des südlichen 7. Breitengrades darstellt. Wahrscheinlich mit gutem Grund.»
Martin Waldseemüller senkte den Kopf. «Ich weiß, ich mache mir damit Feinde, zwangsläufig. Portugal erhofft sich große Reichtümer, neue Länder, neue Handelsplätze, den freien Weg über das Meer zu unermesslichen Schätzen und damit den Aufstieg zu einer glänzenden Handels- und Seefahrernation, die alle anderen überstrahlt. Selbst den größten Konkurrenten in diesem Wettlauf, die Spanier. Diese hoffen wiederum, die Portugiesen zu übertrumpfen. Beide zusammen wollen sie alle anderen klein halten, die Stadtstaaten am Mittelmeer, die Franzosen, die Engländer. Manuel von Portugal kann angesichts dieser bereits heftigen Konkurrenz wohl nicht auch noch ein Heer von Abenteurern und Eroberern brauchen, die der Krone die Entdeckungen streitig machen. Aber was schert mich das! Was interessiert mich der Machterhalt der Mächtigen! Der Metzgersohn Ilacomylus will nicht das Wissen für die Regierenden erweitern, für die Krone von England, Frankreich, Portugal oder Kastilien. Ja selbst nicht für das Heilige Römische Reich, dessen Untertan ich bin. Ich will nicht die Hand reichen für ihre Gier, ihre Geschäfte und Expansionsgelüste. Das Wissen um die neue Welt muss jedem Menschen zugänglich sein. Und endlich ist dies auch möglich. Diese wunderbare Kunst des Buchdrucks, die Gutenberg vor nun rund 50 Jahren entwickelt hat, bietet die Voraussetzung dafür, dass die Herrschaft des Wissens der Mächtigen gebrochen wird. Das neue Land und das Wissen darum stehen allen Menschen zu. Jeder hat das Recht auf seinen Weg ins irdische Paradies. Vielleicht liegt es ja dort, jenseits des Atlantiks! Ich sehe sie schon aufbrechen, ihren Träumen folgen – Handwerker, Händler, Bauern. Vielleicht können Adam und Eva ja ins Paradies zurückkehren. Ich werde ihnen den Weg beschreiben. Denn es sind nicht die Mächtigen, sondern die einfachen Menschen, die diesen Garten Eden urbar machen werden, die dort ihre Kinder zur Welt bringen und dort sterben. Vielleicht dieses Mal in Freiheit.»
«Ihr wißt, dass das, was Ihr hier sagt, an Hochverrat grenzt?»
«Oh ja, das ist mir klar. Doch was ist der größere Verrat? Ist es nicht der, den Menschen dieses Wissen, diese Möglichkeiten vorzuenthalten?»
«Vielleicht solltet Ihr dennoch besser schweigen und nicht mit jedem darüber reden.»
«Meint Ihr, das weiß ich nicht? Trotzdem muss ich es einfach tun. Schnell tun. Ich muss diese Karte fertig haben, ehe mir jemand zuvorkommt. Denn auf Dauer lässt es sich nicht geheim halten. Außerdem denke ich, sobald die Karte erschienen ist, bin ich in Sicherheit. Dann kann niemand mehr den großen Aufbruch in den Garten Eden verhindern.»






